Chiemsee Reggae ohne Sizzla

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Weil sich die Veranstalter_innen angeblich um die Sicherheit der Besucher_innen sorgen, haben sie den Auftritt des Sängers „Sizzla“ abgesagt

UPDATE: von „Peace and Love“ bei vielen Reggaefans keine Spur

Link zur Pressemitteilung des Rabatz-Bündnisses anläßlich der Sizzla-Absage

Teilerfolg für das Rabatz-Bündnis

Wie „Chiemgau24“ und die „SZ“ berichten, findet das Konzert des homophoben Dancehallsängers zum Ende des „Chiemsee Reggae Summers“ am Sonntagabend nach heftigen Protesten nicht statt. Antisexist_innen, queere Aktivist_innen, Vertreter_innen von Parteien und selbst der Kirche hatten gegen den geplanten Auftritt protestiert.

Heute reagierte die CRP Konzertagentur und sagte den „Sizzla“-Auftitt ab, was inzwischen auch der Festival-Homepage zu entnehmen ist:

„Gruppierungen aus dem linksradikalen Spektrum gefährden mit der Anmeldung mehrerer Demonstrationen in unmittelbarer Nähe des Festivalgeländes die Sicherheit der Veranstaltung. Darüber hinaus stellt der Festivalboykott von Bündnis 90/DIE GRÜNEN sowie deren Hinweis auf mögliche Unruhen einen friedlichen und geordneten Ablauf in Frage. Vor allem der drohende Aufmarsch von Gruppierungen, die dem linksradikalen Spektrum zugeordnet werden, wie etwa das „Bündnis rabatz“, die autonome Vernetzung Oberbayern/Salzburg/Tirol, machen den Behörden und uns größte Sorgen.“

Vermutlich dürfte eher der befürchtete Imageschaden denn die angebliche Gewalttätigkeit der antihomphoben Aktivist_innen hinter dem Rückzieher stehen. Schließlich debatiert laut „Chiemgau24“ der Gemeinderat von Übersee am Chiemsee demnächst, ob in dem Ort „in Zukunft keine Musiker mehr eingeladen werden, die mit menschenrechtsverletzenden Inhalten ihr Geld machen“.

Der Blog „medium“ jedenfalls sieht unter Bezug auf den offenen Brief des Rabatz-Bündnisses in dem Rückzug noch keinen Grund, die Proteste einzustellen:

„Ebenso wurde sich auch noch in keinster Weise seitens der Festivalveranstalter_innen zur Forderung nach qualifizierte[r] Unterstützung Betroffener sexualisierter Gewalt […] und der Schaffung von Freiräumen für Frauen, die dringend aufgrund diverser Fälle von Vergewaltigungen und Übergriffen nötig wären geäußert.
Also trotzdem noch mehr als genug Grund dort vor Ort zu demonstrieren.“

Tatsächlich – und das wird durch die Konzentration auf exponierte Künster-„Stars“ – schnell vergessen – finden sich Homophobie, Machoismus und Sexismus bei einem nicht unerheblichen Anteil sowohl der Künstler, als auch des Publikums ebenso wieder wie der bei den „Rastas“ obligatorische theokratische Monarchismus. Letzterer offenbart sich in der Verehrung des „Königs der Könige“ Haile Selassie I. von Äthiopien, der seinerzeit in seiner Heimat nicht ganz so beliebt war, wie bei den Dreads von Kingston bis Übersee. So hieß es im Spiegel zum Ende seiner Herrschaft:

„Haue Selassie, 82, Kaiser von Äthiopien, ist seit vergangenem Donnerstag nur noch Ex-Kaiser. Der ‚Negus Negesti‘, ‚Siegreicher Löwe von Juda‘, ‚Auserwählter Gottes‘ — so einige seiner zahlreichen Titel — hatte sich durch seinen Kampf gegen die Truppen Mussolinis sowie durch seinen anfänglichen Reformkurs weltweite Sympathien erworben. Der Märchenglanz der ältesten Monarchie der Welt — der Kaiser betrachtet sich als Abkömmling einer sagenhaften Verbindung Salomons mit der Königin von Saba lenkte die Aufmerksamkeit der Welt von den katastrophalen Mißständen im Selassie-Reich ab. Denn in den letzten Jahrzehnten seiner 44jährigen Herrschaft zeigte sich der Herrscher mehr an der Festigung seiner Macht als daran interessiert, seinen dahinvegetierenden Untertanen zu helfen. Die Stunde des Negus schlug, als im vergangenen Jahr mehr als hunderttausend Äthiopier verhungerten, während Kaiser und Höflinge, denen 80 Prozent der fruchtbarsten Landstriche gehören, nicht nur weiterhin im Überfluß lebten, sondern sogar Hilfeleistungen des Auslands hintertrieben.“

Unterm Strich bleibt der Rasta-Kult am Chiemsee also auch ohne „Sizzla“ eine – nun ja – etwas reaktionäre Veranstaltung. Eigentlich genug Stoff, mit dem sich die „Erkenntnis“-hungrige Reggae-Gemeinde auseinander setzen könnte. Aber wir wissen ja, wie lange so was dauern kann.

Und was wird nun aus Sizzla? Nicht auszuschließen, dass der bereits ein Angebot vom Backstage bekommen hat. Wäre nicht das erste Mal.

No peace, no love

In der Fangemeinde richtet sich der Zorn nach Bekanntwerden der Absage gegen die Anti-Homophobie-Aktivist_innen, aber auch gegen die Veranstalter_innen CRP. In Gästebuch und Forum der Festivalseite werden Geldmacherei und „linksradikale Hetze“ verteufelt. Vor allem jene, nicht wenigen Fans, die „nur wegen Sizzla“ Tickets gekauft hatten, lassen ihrem Hass freien Lauf.

Einige Auszüge, die zeigen, dass es mit der „absoluten Friedfertigkeit“ und „Toleranz“ der Szene nicht weit her ist:

„SIZZLA FOREVER,
25.08.2010, 18:46
Wegen Sizzla habe ich mir meine Eintrittskarte gekauft.
Soll das ein Witz sein?
Sperrt die Homosexuellen Aktivisten weg!
[…] Betrug! Abzocke
Pfui Chiemsee Reggae Pfui LSVD
Large up Sizzla“

„EIN WITZ,
25.08.2010, 18:49
TARRUS RILEY als Ersatz für SIZZLA ????
Soll das ein Witz sein???
Nur aus Angst vor den Homosexuellen? Ins Gefängis mit Ihnen!
IHR WOLLTET NUR KARTEN VERKAUFEN IHR BETRÜGER !!! WIE SCHON IN 2008
FEIGE FEIGE CRS“

„Wo leben wir, ????
25.08.2010, 19:01
So jetzt ist Schluss mit lustig das kann ja nicht sein das die assis damit durchkommen sofort diese gruppierungen verbieten.ich kann’s noch nicht begreifen Wahnsinn
Der Veranstalter trägt meiner Meinung keine schuld
darf keinen homo mehr begegnen“

„-,
25.08.2010, 20:06
so ein shit echt hab gar keinen bock mehr hinzufahren sizzla is hammer scheiss auf homos“

„burn babylon,
25.08.2010, 20:52
so ein dreck man, ich will sizzla sehen !!!
nur weil er sagt was sich ganz jamaica denkt…. -.-*“

„polo,
25.08.2010, 21:46
verdammte scheiße
ich will mein geld zurück
diese drecks schulen und da soll ma keinen hass auf die haben“

„Floggy,
25.08.2010, 22:30
Scheiß Linke und Scheiß Grüne!!!!
Sollte ich einen von denen sehen, gibts was auf die Fresse, aber 100%
Wo ist eigentlich die Polizei wenn Linksextreme sturm laufen? Ach ne, hab ich vergessen, Rechtsextrem = Böse, Linksextrem = Gut
Fuck off, das regt mich jetzt auf -.“

„Re: lol sizzlas konzert abgesagt
Author: bjump
Date:   25.08.10, 21:10
hoffentlich wierds hier nur so gesagt und er kommt trotzdem 🙂 die hoffnung stirbt zuletzt aber so ein witz da steigt der hass auf die homos ja noch mehr !!!“

„Re: Randale Sizzla
Author: JohnnyBGood
Date:   26.08.10, 08:50
wenn uns so n demonstrant alleine begegnet, darf er laufen… “

Einige Fans überlegen gar, in der Nacht zum Sonntag eine „Pro-Sizzla“-Demonstration durchzuführen. All dies ein weiterer Beleg dafür, dass die Auseinandersetzung mit Homophobie und autoritärem Charakter in der Reggae- resp. Dancehall-Szene erst am Anfang steht.

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