Erlebnisbericht Chiemsee Reggae

gefunden auf: http://de.indymedia.org/

Am gestrigen Samstag taten Aktivist_innen des rabatz-Bündnisses ihren Unmut über schwulenfeindliche „Künstler“, die Jahr für Jahr am Chiemsee Reggae auftreten können, Kund und thematisierten die ignorierte sexualisierte Gewalt auf dem Festivalgelände. Die Kampagne war insbesondere auf den Headliner und Hasssänger Sizzla ausgerichtet – der wurde im Laufe der Woche aber abgesagt, weil die bösen Autonomen kommen wollten. Dies war auch die Befürchtung der Dorfpolizei, die die Kundgebung mit provinziell-absurden Auflagen und Repressionen überzog. Diese führen am Ende zum verfrühten Abbruch der Kundgebung.

Die CRP Konzertagentur, die den Chiemsee Reggae Summer veranstaltet, ist durch das rabatz-Bündnis – einem Zusammenschluss von neun autonomen Gruppen in Oberbayern, Salzburg und Tirol – bereits 2009 angeschrieben worden. In dem Offenen Brief wurden sie aufgefordert, ein Beratungs- und Präventionskonzept gegen sexualierte Gewalt am Festival zu installieren und keine weiteren homophoben Acts zu buchen. Beides ist nicht eingetreten. Geradezu im Gegenteil wurden mit Athony B und Sizzla zunächst zwei einschlägig als homophob bekannte Acts eingeladen.

CRP läuft A.M.O.K.¹

Besonders ätzend dabei ist, dass die Veranstalter_innen die von diesen Herren ausgehende, aggressive Diskriminierung von Homosexuellen auch noch unter dem Label der „Meinungs- und Kunstfreiheit“ subsumieren. Kein Wunder, wirkt die PR-Strategie von Michael Buchholz auch wie ein homophober A.M.O.K.-Lauf; diverse Rechtfertigungsschreiben lesen sich wie Traktate religiöser Fanatiker gespickt mit kulturrassistischen Verklärungsmustern. Tenor: Der Jamaikaner ist halt mal schwulenfeindlich und sieht sich.durch Homosexuelle in seinen religiösen Empfindungen verletzt. Weil die Unterschichten-Künstler sich nicht gewählt ausdrücken können, sagen sie halt, dass Schwule verbrannt gehören.
http://91.90.148.244/rabatz/wp-content/uploads/2010/08/chiemsee_2.jpgNachdem die letztjährige Intervention fehlgeschlagen war, wurden für das heurige Festivalwochenende die Anstrengungen intensiviert: Neben einem Flugblatt „Murder Inna Dancehall“, das beispielsweise auf dem Riding Higher Festival verteilt wurde, starteten Aktivist_innen auch eine Vortragsreihe in der Region. Den abschließenden Punkt sollten Infostände während des gesamten Wochenendes und eine Kundgebung am Samstag bilden. Als Sizzla dann überraschend einen Tag vor Festivalbeginn abgesagt wurde, wäre das Informationsmaterial einerseits veraltet gewesen, andererseits kursierten im Internet bereits wüste Gewaltandrohungen (dokumentiert bei luzi-m; ein Highlight: „diese drecks schulen und da soll ma keinen hass auf die haben“), so dass es kleinen Gruppen von Aktivist_innen kaum zuzumuten war, sich alleine an einen Infostand zu stellen. Das Ganze nimmt tragikomödiantische Züge an, hatten die Veranstalter_innen zuvor erklärt, dass wegen der von rabatz angekündigten Proteste die „körperliche Unversehrtheit“ ihrer Besucher_innen nicht mehr gewährleistet sei. Diese implizite Unterstellung, die Kritiker_innen Sizzlas seien gewalttätig, war allerdings umgehend zurückgewiesen worden.

Strategiewechsel nach Sizzla-Absage

An der Kundgebung hielt das Büdnis dennoch fest. Dies erwies als vollkommen berechtigt angesichts des Ersatz-Acts Busy Signal. Er taucht nicht nur auf den Listen homophober Regae-Künstler auf. Die infogruppe rosenheim kritisiert in einer Pressemitteilung auch, dass seine aggressiven heterosexitischen Lyrics ein Klima begünstigen, in dem sexualisierte Gewalt gegen Frauen stattfindet (Link).
Diese machte auch einen großteil der etwas verspätet gehaltenen Redebeiträge an der Kundgebung aus. Das Antisexistische Aktionsbündnis München (asab_m) legte die Notwendigkeit des Konzeptes der Definitionsmacht dar. Die Münchner Jugendantifa (r|am) ergänzte spezifischer zu sexuellen Übergriffen auf Festivals. Die antifa-nt hingegen hatte Probleme bei der Anreise, gerüchteweise soll sie bei der Eröffnung des Rosenheimer Herbstfestes gesehen worden sein. Ihr antirassistischer Beitrag, der auf kritische Aspekte von Einreiseverboten für homophobe Künstler hinwies, musste ebenso wie ein Grußwort aus Bern vorgelesen werden. Die „Stop Murder Music Campaign“ der Reitschule wartete dann entsprechend nochmals mit einer fundierten Auseinandersetzung mit Homophobie im Reggae auf.

Positives Feedback

Die Resonanz auf die Kundgebung und Flugblattverteilung war im Allgemeinen viel besser als es die Auswüchse auf der CRS-Homepage hatten vermuten lassen. Von den jährlich bis zu 25.000 Besucher_innen scheint eben nur ein kleiner Teil des harten Szene-Kerns unbändiges Gefallen an den homophoben Hasstiraden eines Sizzlas oder Athonoby zu finden. In Macker-Manier mag er sich zwar rabiat Gehör verschaffen – Geld lässt sich mit solchen esoterisch anmutenden Zirkeln alleine aber eher nicht verdienen. Zumindest nicht in dem Maßstab, wie es der Chiemsee Reggae als hochkommerzielle Veranstaltung, bei dem manchmal aber noch der amateurhaft provinzielle Charakter des Trostberger Managements durchscheint, abwerfen dürfte.

Repression Chiemgauer Art

Provinziell haben sich auch die staatlichen Repressionsorgane verhalten. Zugewiesen wurde ein vollkommen verschlammtes Wiesenstück als Kundgebungsort. Dieser musste also zwangsläufig auf die anliegende Straße ausgedeht werden, weil eine erhebliche Gesundheitsgefährdung für die Teilnehmer_innen davon ausging. Das wiederum missfiel der Einsatzleitung, die auferlegte, dass nur ein Meter der Straßebreite genutzt werden darf und nur vier auswählte Flugblattverteiler_innen sich außerhalb dieses Korridors bewegen dürfen. Alarmstufe Rot zum ersten, als ein Transparent auf der falschen Straßenseite entrollt wurde, weil es dort besser sichtbar gewesen wäre. Die nächste Eskalationsstufe aber erst gegen Abend, als aus den Lautsprechern ein etwas ordinäres, gegen die Polizei gerichtetes Lied zu hören war. Dann durfte keine Musik mehr abgespielt werden, weshalb die Kundgebung frühzeitig abgebrochen wurde. Noch davor hat die Polizei sich eine ganz neue Form der Sippenhaft ausgedacht: Vier Aktivist_innen wird unterstellt, sie hätten Flugblätter außerhalb der Kundgebung verteilt, was nach Meinung der Ordnungshüter eine Ordnungswidrigkeit sei. Betroffene und Versammlungsleitung berichten unabhängig voneinander, dass angedroht wurde, die Höhe eines möglichen Bußgeldes hänge vom Verlauf der Kundgebung ab.


¹ Die CRP Konzertagentur mit Sitz in Trostberg veranstaltet das Festival, bei dem die in Hamburg ansässige A.M.O.K. offenbar für das Booking verantwortlich ist.

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