Das tut weh: Gentrification in Salzburg

Ein noch immer aktueller Artikel aus „Termit – linke emanzipatorische Flugschrift mit Terminen“ Nr. 12/September 2011:

“Eure Armut kotzt uns an!”– Der Salzburger Hauptbahnhof wird umgebaut

Bahnhöfe könnten richtig gute Orte sein, lebendige Räume für alle. Leider werden sie durch die entlang des Schienennetzes der ÖBB in den letzten Jahren gehäuft auftretenden Umbauten nicht besser. Die Überwachung nimmt zu, und Menschen, die kein Geld haben, wird die Erfüllung sämtlicher elementarer Bedürfnisse verwehrt.

Der Salzburger Hauptbahnhof hat eine neue Stimme. Zugfahrende werden jetzt nicht mehr von Chris Lohner darauf hingewiesen, wo sie sind und wie es weitergeht, sondern von einer Roboterfrau, die nicht nur den aktuellen Bahnsteig und die wichtigsten Anschlusszüge durchsagt, sondern gleichzeitig auf allen Bahnsteigen mit entnervender Gründlichkeit sämtliche vorhandenen Bahnsteige mit allen von dort noch erreichbaren und schon fast verpassten Anschlüsse verkündet. Die kann einfach keine Sekunde die Klappe halten! Dafür macht sie das gewissenhaft zweisprachig. Dass die Stadt des momentanen Aufenthalts nicht “Selzburg” heißt, scheint den Programmierer_innen aber entgangen zu sein.

Nicht nur die Stimme, fast alles wird neu sein am Bahnhof, wenn er denn irgendwann fertig wird und die Bagger und Bauarbeiter verschwunden sind. Geplant ist, dass 2013 die Atmosphäre des Provisoriums weg ist, wo eine_r überall rauchen kann und die Überwachungskameras noch nicht fertig montiert sind. Und dann wird es erst richtig ungemütlich werden.

Was sich da ändern wird, ist auch eine politische Frage. Einige Vorzeichen außer der harmlos-lästigen Computerstimme gibt es schon. Wenn wir uns bereits abgeschlossene Bahnhofsneubauten wie den in Wels anschauen, können wir uns ausrechnen, was uns in Salzburg noch blüht.

Würden Bahnhöfe mit Blick auf ihren Gebrauchswert gebaut, würde jede_r mit ein bisschen Verstand im Schädel als erstes große, beheizbare Warteräume mit gemütlichen Sitzgelegenheiten einplanen. Im neuen Welser Bahnhof gibt pro Stockwerk nur drei Bänke, zum Teil ohne Rückenlehne und mit Begrenzungen zwischen den Sitzflächen, auf denen ein durchschnittlicher ausgewachsene Mensch ziemlich eingezwängt sitzt. Damit soll wohl bezweckt werden, dass die Leute dort nicht zu lange sitzen und sich auf keinen Fall hinlegen können. Findet eine_r keine freie Bank und setzt sich auf den Boden, kommen Securities und weisen eine_n darauf hin, dass das verboten sei. Und zwar in einem Ton, als hätte eine_r gerade ihren geheiligten Vorgarten umgegraben und ins Blumenbeet geschissen.

Am Salzburger Bahnhofsvorplatz gibt es auch schon ein Bankproblem. Die hölzernen Sitzflächen der meisten Bänke sind abmontiert worden; geblieben sind die Betonsockel. Auf denen könnte eine_r noch sitzen, wären da nicht die herausstehenden Metallstifte. Das erinnert an die Stacheln, die auf Mauervorsprüngen angebracht werden, damit dort keine Tauben herumlungern können. Übrigens, das Salzburger Markt- und Veterinäramt hat dafür gesorgt, dass die Bahnhofstauben sich in Ersatzkobeln niederlassen können. Solche Freundlichkeit können sitzbedürftige Menschen nicht erwarten. Es ist offensichtlich, dass mit dieser Maßnahme Leute vertrieben werden sollen, die dort “herumlungern”. Armut gehört zum Kapitalismus dazu – sie soll nur nicht sichtbar sein.

In Wels wurden nach dem Umbau die Preise der Getränke in den Automaten an die Cafépreise angeglichen, also fast verdoppelt. In Salzburg wurde die einzige Möglichkeit, zu einem günstigen Kaffee zu kommen, abmontiert. Statt des Automaten, wo eine_r um 50 Cent was zu trinken kriegen konnte, ist jetzt im Durchgang gegenüber von der Sparda eine dekorative Spanplatte angebracht.

Das Praktische daran: wer nichts trinkt, muss auch nicht pissen. Denn das kostet, in Wels seit dem Umbau, und in Salzburg auch, und zwar 50 Cent. Ganz klar signalisiert das: klogehen, OB wechseln und Hände waschen braucht für Leute, die kein Geld haben, nicht möglich zu sein.

Sich der überschüssigen Flüssigkeit in einer dunklen Ecke zu entledigen, wäre auch nicht so einfach, für Frauen noch viel weniger als für Männer. Jetzt während der Bauarbeiten sind noch nicht alle Überwachungskameras installiert, wir sehen aber schon, dass es viele werden, wenn wir uns die seit kurzem wieder geöffnete Eingangshalle anschauen. Auf dem Vorplatz sind ja schon länger schwenkbare Kameras angebracht, die direkt von der Polizeidirektion aus bedient werden.

In Wels wie in Salzburg trifft eine_r ständig Securities am Bahnhof. Kurioserweise gibt es in Salzburg sogar einen “falschen”, der offensichtlich einfach so komplett in Uniform mit Handschellen und allerlei sonstiger Ausrüstung herumläuft, ohne dafür bezahlt zu werden. Die Law-and-Order-Mentalität setzt sich in den Köpfen fest.

So ein Bahnhofsgebäude bring viel mehr Profit, wenn es mit Geschäften vollgestopft ist. Weil es keine brauchbaren Warteräume gibt, ist dafür auch viel Platz. In Wels wurde zusätzlicher Platz für Konsum geschaffen, indem einfach ein Stockwerk draufgesetzt wurde, das eigentlich kein Mensch braucht. Deswegen muss eine_r zuerst zwei Stockwerke hinaufgehen oder mit dem Lift fahren und dann wieder hinunter, wenn er/sie zum Bahnsteig will. Wenn eine_r schon knapp dran ist um den Zug zu erwischen, ist das eine helle Freude. Und für nicht so mobile Leute, die sich mit dem Gehen schwertun, eine Zumutung.

Die Devise “Geschäfte statt Aufenthaltsräume” wurde in Wels konsequent umgesetzt. Wer gemütlich sitzen will, soll dabei gefälligst etwas konsumieren, also in einem der Cafés etwas kaufen. Das größere der Cafés war anscheinend finanziell nicht so erfolgreich; vor mehr als einem Jahr war es plötzlich zu, und auf einem Zettel an der Glastür stand “Wegen Urlaub geschlossen”. Nach ein paar Monaten hat irgendwer “Wie lange noch?” dazugeschrieben. Die Antwort: bis heute. Der so freigewordene Raum bleibt trotzdem versperrt. Die gepolsterten Bänke sind zwar durch die Scheibe zu sehen, aber sitzen kann darauf niemand. Der Sexshop gegenüber ist auch vor kurzem pleite gegangen und wurde schon ausgeräumt. Nur eine Schaufensterpuppe im sehr knappen Bullenfrauenkostüm steht noch drin und bietet Uniformfetischist_innen Abwechslung vom Anblick der Securities. Das ist der Bahnhof des 21. Jahrhunderts für Leute, die kein Geld haben: kein Klo, kein Kaffee, kein Sitzplatz, aber dafür eine eine Kamera im Genick und eine halbnackte Bullenattrappe vor der Nase. Klingt lustig, ist es aber nicht.

Für wen werden diese Bahnhöfe der Zukunft eigentlich gebaut? Wer soll in den vielen Geschäften, die auch am Salzburger Bahnhof entstehen werden, einkaufen und in den Cafés überteuerte Snacks fressen? Einen Hinweis geben die Grafiken auf den Bannern an einigen Bauzäunen. Diese zeigen den blitzsauberen neuen Salzburger Bahnhof, auf dem sich blitzsaubere Menschen tummeln. Alle sind schlank, gut gekleidet, gut gelaunt und scheinbar auf dem Weg zum nächsten Businessmeeting.

Das ist verräterisch. Der einzige mögliche Schluss aus dieser Darstellung ist, dass alle, die nicht so sind, wie die Leute auf dem Bild, sich gefälligst vom Bahnhof fernhalten sollen. Denn wo kämen wir denn da hin, wenn dieser öffentliche Raum mit seiner Infrastruktur für alle da wäre? Für die Wohnungslosen, die migrantischen Familien, die regulären Bahnhofsbsuff, die Punker_innen, die dicken, schlecht gekleideten, miesgelaunten Menschen, die nicht einmal den Anstand besitzen, etwas kaufen zu wollen? Wenn solchen Leuten nicht mit der nötigen Unfreundlichkeit entgegengetreten wird, kommen die womöglich auch noch auf die Idee, in dem seit ungefähr 10 Jahren leerstehenden Haus um die Ecke wohnen zu wollen, das sich im Besitz der ÖBB befindet, und das diese zu Spekulationszwecken vergammeln lässt, um es irgendwann abreißen lassen zu können und dann den Grund an ein Unternehmen zu verkaufen, das die Gegend noch ein bisschen mehr aufwertet.

Denn darum geht es augenscheinlich: um Aufwertung. Der Kern der Sache ist, dass Aufwertung im Kapitalismus immer Verdrängung bedeutet. Dieser Prozess wird mit dem Wort “Gentrification” beschrieben, der einigen sicher von der Debatte um die Strubergasse in Erinnerung ist. Gentrification heißt, einen Stadtteil zu säubern, teurere Geschäfte und Wohnhäuser zu bauen, ihn attraktiv zu machen für eine zahlungskräftige Klientel. In der Folge steigen vor allem die Preise für Wohnraum, und zahlungsschwächere Leute müssen wegziehen. Alles nicht Aufwertbare und alle, die nicht ins aufgewertete Umfeld passen, werden nach und nach entfernt. Am Salzburger Bahnhof passiert das dadurch, dass die Überwachung zunimmt und Leuten ohne Geld die Befriedigung sämtlicher elementarer Bedürfnisse verweigert wird. Das ist brutal. Das ist Gewalt. Die Verdrängungswut trägt vor allem auch rassistische und antiziganistische Züge. Leute mit dunklerer Hautfarbe und solche, die als Roma wahrgenommen werden, sind ihr mehr ausgesetzt als Menschen, die als “Inländer_innen” oder Tourist_innen gesehen werden.

Gentrification ist keine Salzburger Besonderheit – dieses Phänomen gibt es in vielen europäischen Städten. Den Kapitalismus, dieses hirnrissige ausbeuterische System, in dem Profit alles ist, und menschliche Bedürfnisse nichts, besteht weltweit. Die Perspektive für uns, die damit nicht einverstanden sind, ist einigermaßen trostlos. Solange alles, auch der öffentliche Raum, eine Ware ist, die profitträchtig verkauft werden muss, also solange Kapitalismus herrscht, sind solche Aufwertungsprozesse in ihren Grundzügen nicht zu ändern.

Unsere Waffe sind vorläufig die Nadelstiche der Subversion. Wir können der Profitlogik zwar nicht von heute auf morgen entkommen, denn das wird ein längerer Kampf sein. Aber wir können ihren Vertreter_innen und ihren Helferlein schon heute ordentlich auf den Arsch gehen. Zum Beispiel, indem wir uns nicht so leicht vertreiben lassen, und solidarisch sind mit Leuten, die etwa am Bahnhof unerwünscht sind. Und Kameras sind auch nicht für die Ewigkeit gebaut.

gena

  • Mehr Infos zum Thema Gentrification findet ihr im Buch Wir bleiben alle! von Andrej Holm (gibts im Infoladen) und online auf esregnetkaviar.de und gentrificationblog.wordpress.com
  • Außerdem könnt ihr eine Sendung von Radio Termit mit einem Interview und einem Demo-Redebeitrag über Gentrification in Salzburg online anhören und runterladen: cba.fro.at/47517
  • Wir empfehlen auch das Buch Antiziganistische Zustände von Markus End, Kathrin Herold und Yvonne Robel.
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