Aus den Tiefen des Archivs #2: „Ihr mit eurem Sicherheitsdenken! – Ihr mit euren Sicherheitsnadeln!“

Schwarzer Faden – Anarchistische Vierteljahresschrift, Nostalgienummer 1985, Karton Nr. 1.

Diese Woche empfehlen wir euch die „Nostalgienummer“ des Schwarzen Faden von 1985, einer der wichtigsten bundesweit in Schland erscheinenden Zeitschriften für anarchistische Theorie und Debatte. Anarchismus.at meint, ihre Einstellung hinterließ eine bislang nicht geschlossene Lücke.

Der Schwarze Faden erschien 1980 bis 2004. Anarchist_innen und Rätesozialist_innen initiierten die Gründung des Blattes auf der Gegenbuchmesse 1979 in Frankfurt: „Wir verstehen uns als 'fraktionsübergreifendes' Diskussions-, Theorie, Geschichts-, Kulturorgan, das für alle linksradikale Positionen offen ist und Kultur von unten lebendig halten will." Im Archiv haben wir drei Kartons mit Ausgaben von 1985 bis 2004.

Die Nostalgienummer mit ausgewählten Beiträgen aus den ersten dreizehn, vergriffenen Ausgaben ist mittlerweile selbst komplett vergriffen – falls ihr die Idee hattet, die auf Amazon zu bestellen, könnt ihr das vergessen. Da müsst ihr euch ganz analog auf den Weg in den Infoladen machen.

Lesenswert: Im Artikel „Die Frage nach dem anarchistischen Subjekt“ (S. 20) reflektiert Wolfgang Haug anarchistische Handlungsformen und stellt sich die Frage, wer denn die angesprochenen – wenn schon nicht revolutionären – Subjekte anarchistischer Bewegungen seien. Haug sieht zwei Tendenzen: Anarchist_innen beteiligen sich an Bürger_innen-Initiativen u.ä. reformistischen Protestformen, hackeln rein, bis

man selbst von der Praxis gefressen wird, und die kritischen Bürger [sic!] meist mit der therapeutischen Funktion ihres und unseres Tuns ganz zufrieden sind. […] Oder: Anarchisten [sic!] geben sich bewußt revolutionär, lehnen alles ab, was in den Geruch kommt, bloße Öffentlichkeitsarbeit für die Bürger [sic!] zu sein und dreschen hohle Phrasen, voller Pathos und revolutionärem (männlichem) Gestus. Daß es keiner versteht, interessiert dann nicht mehr: ‚Die blicken/schnallen ja eh nichts!‘.“

Auch interessant: „Militärmacht UDSSR“. Ja, die gabs damals noch. Die Autor_innen fragen sich: „Was ist die Sowjetunion heute, 60 Jahre nach der Oktoberrevolution? Was wird aus diesem totalitären System in 60 Jahren?“ Naja. Das kam ja dann bekanntlich anders.

Für Literaturinteressierte: Die Identität des anarchistischen Schriftstellers (Das Totenschiff) und Beteiligten an der Münchner Räterepublik B. Traven / Ret Marut ist fast 50 Jahre nach seinem Tod nach wie vor ungeklärt. In der „Nostalgienummer“ gibt’s einen Artikel, in dem ein gewisser Erik Thygesen meint, belegen zu können, dass es sich bei Traven/Marut tatsächlich um Otto Feige handelt. Wie auch immer. Sehr cool ist jedenfalls die Graphic Novel „B. Traven: Portrait eines Unbekannten“ (Avant Verlag). Darin steht sehr Vernünftiges darüber, was von Ausweisdokumenten und anderem Klopapier zu halten ist.

Über die Rubrik: Es gibt Dinge, die völlig zu Unrecht zu wenig beachtet werden. Zum Beispiel das Archiv im Infoladen: in über 200 Kartons befindet sich ein umfangreiches Archiv zu den sozialen Bewegungen in Österreich und den angrenzenden Regionen seit den 80er Jahren. Das Archiv kann während der Öffnungszeiten benützt werden, einfach vorbeikommen und nachfragen.

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